Tropfbewässerung im Gemüsegarten: wie viel Wasser jede Kultur braucht und wie viele Minuten das sind
Feste Regeln wie „zwei Liter pro Tomate" passen weder zum Wetter noch zum Pflanzabstand. Die Rechnung mit den FAO-Koeffizienten für Tomate, Gurke, Zucchini, Salat und Co., woher man die Verdunstung für die eigene Region bekommt, und wie man Liter in Minuten umrechnet, im Beet, im Hochbeet und im Tomatenhaus.
Das Problem mit festen Regeln
Ratgeber zur Tropfbewässerung im Gemüsegarten geben gern einfache Regeln: 30 Minuten täglich im Sommer, zwei Liter pro Tomate. Für den Anfang sind sie brauchbar, aber sie übersehen die beiden Dinge, die die Wassermenge verdoppeln oder halbieren können: das Wetter des Tages und den Platz, den jede Pflanze einnimmt. 30 Minuten bringen mit 2-L/h-Tropfern nicht dieselbe Menge wie mit 4-L/h-Tropfern, und ein schwülheißer Julitag ist kein bewölkter Junitag.
Dieser Artikel geht deshalb von einer Rechnung aus. Mit zwei öffentlichen Werten, der Verdunstung der eigenen Region und dem Koeffizienten jeder Kultur, ergeben sich die Liter pro Quadratmeter für jedes Beet und die passenden Minuten.
Die Formel: Verdunstung der Region × Koeffizient der Kultur
Die Referenzverdunstung (ETo) ist das Wasser, das eine gut versorgte Grasfläche an einem Tag über Boden und Blätter verliert. Sie hängt vom Wetter ab: Temperatur, Luftfeuchte, Wind und Sonne. Jede Kultur verbraucht mehr oder weniger als diese Referenz; das Verhältnis ist ihr Kulturkoeffizient Kc. Der Wasserbedarf der Pflanze ist ETo × Kc. Das ist die Methode des FAO-Handbuchs 56, mit der auch Beregnungsberater arbeiten; die Grundlagen stehen in /deWarum Evapotranspiration die Grundlage moderner Bewässerung ist: das FAO-56-Papier erklärt.
Die ETo muss man nicht schätzen: Der Deutsche Wetterdienst berechnet die potenzielle Verdunstung über Gras, und viele Landwirtschaftskammern und Beregnungsberatungen veröffentlichen sie in der Saison. Im deutschen Hochsommer liegt sie meist bei 3 bis 5 mm am Tag, an Hitzetagen in warmen Regionen darüber, an der Küste und in kühlen Wochen darunter.
Die Tabelle: Liter je Quadratmeter und Tag, Kultur für Kultur
Die Tabelle nimmt die FAO-Koeffizienten der häufigsten Gemüsekulturen und rechnet sie für zwei Beispieltage in Liter je Quadratmeter um: 4 mm ETo, ein normaler Sommertag, und 6 mm, ein heißer Tag. Die Liter enthalten die Verluste der Tropfbewässerung (Wirkungsgrad 0,9) und gelten für die Phase des höchsten Verbrauchs, wenn die Pflanzen den Boden gut decken.
| Kultur | Kc Anfang | Kc volle Ernte | Kc Ende | L/m² Tag bei ETo 4 mm | L/m² Tag bei ETo 6 mm |
|---|---|---|---|---|---|
| Tomate | 0,6 | 1,15 | 0,70–0,90 | 5,1 | 7,7 |
| Paprika | 0,6 | 1,05 | 0,90 | 4,7 | 7,0 |
| Aubergine | 0,6 | 1,05 | 0,90 | 4,7 | 7,0 |
| Buschbohne | 0,5 | 1,05 | 0,90 | 4,7 | 7,0 |
| Zwiebel (trocken) | 0,7 | 1,05 | 0,75 | 4,7 | 7,0 |
| Gurke | 0,6 | 1,00 | 0,75 | 4,4 | 6,7 |
| Salat | 0,7 | 1,00 | 0,95 | 4,4 | 6,7 |
| Zucchini | 0,5 | 0,95 | 0,75 | 4,2 | 6,3 |
Von Litern zu Minuten, und was die Zwei-Liter-Regel taugt
Das Steuergerät kennt nur Minuten. Für die Umrechnung braucht man, wie viele Liter pro Stunde die Anlage auf jeden Quadratmeter bringt. Beispiel: ein 1 m breites Beet mit zwei Tropfleitungen, 2-L/h-Tropfer alle 30 cm. Auf einem Meter Beet sitzen 2 × 3,3 = 6,7 Tropfer, zusammen 13,3 Liter pro Stunde auf diesem Quadratmeter. Tomaten in voller Ernte an einem Tag mit 6 mm ETo brauchen 7,7 Liter je m²: 7,7 ÷ 13,3 × 60 = rund 35 Minuten. Bei 4 mm rund 23 Minuten. Die Formel gilt für jede Anlage: Minuten = Liter je m² ÷ Liter pro Stunde und m² × 60.
Mit derselben Rechnung lässt sich die Zwei-Liter-Regel einordnen. Eine Tomate auf 0,5 m² braucht in voller Ernte bei 6 mm ETo rund 3,8 Liter am Tag, bei 4 mm rund 2,6 Liter. Zwei Liter passen also zu kühlen Wochen oder jungen Pflanzen, nicht zu einer Hitzewoche. Die zuverlässigste Kontrolle bleibt die Fingerprobe: In 10 bis 15 cm Tiefe am Fuß der Pflanze soll die Erde feucht sein, nicht nass.
Die Phasen der Kultur: Jungpflanzen nicht wie ausgewachsene gießen
Der Koeffizient ändert sich über die Saison, und mit ihm die Wassermenge. Eine frisch gepflanzte Tomate hat einen Kc von 0,6 und braucht etwa die Hälfte dessen, was sie in voller Ernte bei 1,15 braucht. Gleich ab Pflanzung mit den Augustminuten zu bewässern, ist der schnellste Weg, junge Wurzeln zu ersticken. Am Ende der Kultur sinkt der Kc wieder (0,70 bis 0,90 bei Tomaten), und die Minuten werden wieder kürzer.
In der Praxis die Minuten mindestens dreimal pro Kultur anpassen: nach der Pflanzung, wenn die Pflanzen den Boden decken und tragen, und am Ende der Ernte, dazu bei jedem deutlichen Wetterwechsel. Auf Sand die Tagesmenge auf zwei kürzere Läufe verteilen; auf schwerem Boden besser ein längerer Lauf alle ein bis zwei Tage (/deWie lange bewässern? Minuten pro Lauf nach Bodenart und Regnertyp, mit Fingerprobe und Tabelle).
Hochbeet und Tomatenhaus
Hochbeete trocknen schneller aus als Beete im Boden: Sie sind von der Seite der Sonne und dem Wind ausgesetzt und haben keinen Anschluss an das Bodenwasser darunter. Sie brauchen bei gleicher Kultur eher mehr als die Tabelle, in kürzeren Abständen. Eine Tropfleitung, die im Kreis oder in zwei, drei Bahnen über das Hochbeet läuft, und ein Batterie-Timer am Hahn oder an der Regentonne sind die einfachste Lösung.
Im Tomatenhaus oder unter einem Regendach kommt kein Regen an; alles Wasser muss die Anlage bringen. Gerade dort ist die Tropfbewässerung im Vorteil: Das Laub bleibt trocken, und trockenes Laub ist der beste Schutz gegen die Kraut- und Braunfäule, die sich bei nassen Blättern ausbreitet. Gegossen wird am Morgen, nie über die Blätter.
Die Anlage in Kürze
Für Gemüsereihen ist ein Tropfrohr oder Tropfschlauch mit eingebauten Tropfern alle 20 bis 33 cm am praktischsten, entlang jeder Reihe verlegt und mit Mulch abgedeckt. Auf Sand die Tropfer enger (20 bis 25 cm), auf schwerem Boden bis 40 cm. Einzelpflanzen bekommen den Tropfer 10 bis 15 cm vom Fuß. Druckkompensierende Tropfer halten die Menge auch auf langen Reihen und am Hang gleich.
Zwei Teile sind keine Option: ein Filter mit 120 Mesh vor der Zone, weil die Tropföffnungen mit einem Sandkorn verstopfen, und eine eigene Zone mit Druckminderer, weil Regner mit 2 bis 3 bar und Tropfer mit 1 bis 1,5 bar arbeiten. Wie man eine Tropfzone an eine bestehende Anlage anhängt: /deVersenkregner oder Tropfbewässerung? Entscheidungsleitfaden Zone für Zone.
Regenwasser für das Gemüse
Für Gemüse ist Regenwasser aus Tonne oder Zisterne ideal: weich, ohne Kalk, also auch gut für die Tropfer. Die Rechnung zeigt, wie weit es reicht: Ein Beet von 10 m² mit Tomaten braucht an einem heißen Tag rund 77 Liter, eine 300-Liter-Regentonne reicht also für knapp vier Hitzetage. Mit einer kleinen Tauchpumpe oder einem Timer am Tonnenauslauf lässt sich die Tropfleitung direkt aus der Tonne speisen; der geringe Druck reicht für Tropfer, nicht für Regner.
In Trockenperioden können Landkreise und Gemeinden das Bewässern mit Trinkwasser oder die Entnahme aus Gewässern einschränken; die Regeln stehen in der jeweiligen Allgemeinverfügung. Gut berechnete Tropfbewässerung ist dann ohnehin die sparsamste Art, Gemüse zu gießen.
Pflege
Den Filter zu Beginn und am Ende der Saison reinigen, bei hartem Wasser öfter. Einmal im Jahr die Endstopfen bei laufendem Kreis kurz öffnen und die Ablagerungen herausspülen. Verkalkte Tropfer erholen sich oft nach einer halben Stunde in Zitronensäurelösung. Vor dem ersten Frost die Leitungen entleeren: /deBewässerungsanlage winterfest machen: entleeren, ausblasen, Pumpe und Gartenwasserzähler schützen.
Häufige Fragen
Wie lange muss die Tropfbewässerung für Tomaten laufen?
Das hängt von der Verdunstung des Tages und von den Tropfern pro Quadratmeter ab. Tomaten in voller Ernte (FAO-Koeffizient 1,15) brauchen an einem Tag mit 4 mm Verdunstung rund 5,1 Liter je m², an einem heißen Tag mit 6 mm rund 7,7 Liter. Mit zwei Tropfleitungen mit 2-L/h-Tropfern alle 30 cm auf einem 1 m breiten Beet sind das rund 23 beziehungsweise 35 Minuten.
Wie viel Wasser braucht eine Tomatenpflanze pro Tag?
Die Regel „zwei Liter pro Pflanze" ist eine Größenordnung, kein fester Wert. Eine Pflanze in voller Ernte auf 0,5 m² braucht bei 4 mm Verdunstung rund 2,6 Liter, bei 6 mm rund 3,8 Liter; frisch gepflanzt etwa die Hälfte.
Welchen Tropferabstand je nach Boden?
Auf Sand enger, 20 bis 25 cm, weil das Wasser fast senkrecht nach unten geht; auf schwerem Lehm und Ton bis 40 cm, weil es sich mehr zur Seite verteilt. Für Gemüsebeete auf mittlerem Boden ist ein Tropfer alle 25 bis 30 cm die übliche Wahl.
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Technischer Hinweis: Die Kulturkoeffizienten (Kc) stammen aus Tabelle 12 des FAO-Handbuchs 56 (Allen et al., 1998) und gelten für gesunde, gut deckende Bestände in subhumidem Klima. Die Verdunstungswerte von 4 und 6 mm pro Tag sind Rechenbeispiele, keine Werte einer bestimmten Gemeinde. Der Wirkungsgrad der Tropfbewässerung ist mit 0,9 angesetzt.